Es ist irgendwie sinnbildlich: Der Workshop „Digitale Kirche für Fortgeschrittene“ bekommt (noch?) den kleinsten Raum im Zentrum Gottesdienst – aber der reicht hinten und vorne nicht. Also geht’s spontan ab in den Garten. Aufbruchstimmung eben.

Von Daniel Wildraut

Im Gemeindehaus St. Franziskus in der Innenstadt-Ost trifft sich am Freitagmittag die „Netzgemeinde“. Oder sollte ich schreiben: Nerdgemeinde? Klar, dass wir dort auch dabei sein wollen. Es geht locker zu, nicht nur wegen des spontanen Ortswechsels in den Garten. Man duzt sich. Einige Insider kennen sich bereits, wenn auch teilweise bislang nur über den Nachrichtendienst Twitter („Ach, du bist das!“). Jetzt also ganz analog. Bilder und Kommentare zum Treffen werden direkt online gestellt. Ganz digital.

Vier Vertreterinnen und Vertreter der „digitalen Kirche“ bieten Kurzworkshops für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. Theresa Brückner ist „Pfarrerin für Kirche im digitalen Raum“ in einem Berliner Kirchenkreis. In der Hauptstadt ist sie genauso zuhause wie bei Instagram, Twitter und Facebook. Außerdem hat sie einen eigenen YouTube-Kanal. Stefanie Hoffmann ist Pfarrerin für Digitales in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz (EKBO). Sie sichtet und vernetzt digitale Projekte und entwickelt neue Konzepte für Kirche in der digitalen Welt.

Pastor Lutz Neumeier aus Lich bei Gießen nutzt schon seit Jahren digitale Medien und Kanäle für die Gemeindearbeit, sei es WhatsApp, Twitter oder Facebook. Dazu zählt auch das Streamen von Gottesdiensten. Wolfgang Loest wiederum ist Social-Media-Pfarrer und -Experte der Lippischen Landeskirche.

“Nur zwei Stunden Social Media“

In der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern spielen Themen wie Social Media (noch) keine Rolle. Oder allenfalls eine ganz kleine. „Im Predigerseminar haben wir uns, glaube ich, zwei Stunden lang mit dem Thema Social Media beschäftigt“, erinnert sich Theresa Brückner. Sie habe privat mit Instagram begonnen und sei dort mit Menschen ins Gespräch gekommen – zum Beispiel über das Thema Tod, über das damals dort kaum jemand geschrieben habe. „Da habe ich viele Nachrichten bekommen, viele Geschichten gehört“, erzählt sie in ihrem Workshop. Sie selbst wird in ihren Beiträgen, die sie online stellt, zwar persönlich, zieht aber auch klare Grenzen, was private Dinge betrifft. Das sei nötig. Und noch eins müsse sich jeder klarmachen: „Social Media geht nicht nebenbei, das kostet Zeit.“

“Wir brauchen WLAN in jeder Kirche!“

Lutz Neumeier stellt verschiedene Möglichkeiten vor, wie digitale Medien zur Gottesdienstgestaltung genutzt werden können. Gottesdienststreaming? „Da kann auch ein einzelnes Smartphone reichen“, erklärt er. „Das haben wir bei einem Jugendgottesdienst mal spontan über Facebook gemacht. Da haben sich zahlreiche Menschen reingeklickt, darunter auch jemand aus den USA, der aus unserem Ort stammte.“ Aber selbst das Vernetzen mehrerer Geräte mittels einer App sei gar nicht mehr schwierig. „Anders als bei einem Fernsehgottesdienst ist das Format Streaminggottesdienst für den/die NutzerIn am Bildschirm oder Display interaktiv“, erklärt er. Es können beispielsweise Gebete geteilt werden, die dann in der Fürbitte aufgegriffen werden. Oder die Online-NutzerInnen stimmen ab, welches Lied zum Schluss des Gottesdienstes gesungen werden soll. Oder wie wäre es mit einem Online-Quiz während des Gottesdienstes (Kahoot)?. Sein Tipp für die, die so richtig mit dem Streaming einsteigen wollen: sublan.tv. Dessen Projektleiter Rasmussen Bertram sitzt übrigens mit in der Runde.

„Kirche im Internet hat keine Grenzen“

In seinem Workshop verdeutlicht Wolfgang, der „Kirchennerd“, dass das Internet die Möglichkeit biete, sprachlich ganz bestimmte Zielgruppen abzuholen, die man vor Ort in seiner Gemeinde so nicht erreichen könne. „Denn manche Gruppen sprechen eben ihre eigene Sprache.“ Er selbst schätzt Computer, Sci.fi, Fantasy. „Ich möchte für Menschen da sein, die solche Hobbys haben.“ Rückfrage: „Wie viele Gottesdienste sollen wir denn dann anbieten, um alle Welten abzudecken?“ Wolfgans Antwort: „Ich persönlich kann und will das gar nicht alles abdecken. Aber wieviele tausend Pfarrerinnen und Pfarrer haben wir in der EKD? Wenn sich jeder eine Nische aussucht, dann decken wir das alles ab. Kirche im Internet hat keine Grenzen.“

Es wird viel geredet, sich ausgetauscht, Tipps gegeben und nachgefragt. Bleibt die Frage: Wo steht die Kirche eigentlich digital? „Wir haben im vergangenen Jahr deutlich Fahrt aufgenommen“, sagt Stefanie Hoffmann und spricht dabei für ihre Landeskirche, die EKBO. „Da bewegt sich etwas.“ Natürlich sei es auch hilfreich, dass an der Spitze der EKD mit Heinrich Bedford-Strohm ein Landesbischof stehe, der selbst die Sozialen Medien nutzt. Was macht ihr persönlich am meisten Mut, dass es weiter vorangeht? Sie überlegt nur ganz kurz, dann sagt sie: „Die Menschen.“


In Dortmund wird es am Samstag um 15 Uhr den ersten interaktiven sublan Streaming-Gottesdienst des Kirchentags geben. EKD-YouTuberin Jana Highholder wird vor Ort in der Franziskuskirche durch den Gottesdienst leiten. Der Gottesdienst kann über www.sublan.tv ohne Anmeldung gestreamt werden.

Theresa Brückner (@theresaliebt), Stefanie Hoffmann (@pfarr_mensch), Lutz Neumeier (@NEUMEdIER) und Wolfgang Loest (@wtlx) sind unter diesen Nutzernamen über den Kurznachrichtendienst Twitter erreichbar.

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Schön, dass ein Workshop dazu angeboten wird!
    Bedauerlich, wenn Gemeindeleiter sich mit technischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Trends erst 10 Jahre später auseinander setzen als der Rest der Welt.

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