Wie kann Gott das zulassen?

Wenn Gott uns Menschen liebt, warum gibt es dann so viel Leid in der Welt? Diese Frage fordert uns heraus, treibt manche zur Verzweiflung. Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Von Frauke Bielefeldt

Wenn es einen Gott gibt – wie kann er das zulassen?“, so fragen sich viele Menschen, wenn ein schlimmes Unglück geschieht oder ein entfesselter Diktator schweres Leid über ganze Bevölkerungsgruppen bringt. Es tut weh, wenn wir sehen, wie in Bürgerkriegen die Menschen zwischen den Mühlen der Mächtigen zermahlen werden. Wo ist er, wenn Menschen machtlos zusehen müssen, wie ihre Liebsten gequält und getötet werden? Oder wie kann er es zulassen, dass die von ihm geschaffene Erde in Tsunamis und Erdbeben immer wieder Abertausende unschuldiger Menschen dahinrafft?

Dass es Leid und Böses auf der Welt gibt, ist laut einer Umfrage von ProChrist der am häufigsten genannte Grund, warum Menschen heute nicht an Gott glauben können. Seit Jahrhunderten beschäftigt diese Frage die Menschen: Wenn Gott uns liebt und allmächtig sein soll – wie kann er dann so viele schlimme Dinge zulassen? Warum ist die Welt nicht besser, als sie ist?

Menschen, die ihren Glauben an einen liebenden Gott, wenn eine unheilbare Krankheit ausbricht oder ein naher Angehöriger plötzlich ums Leben kommt. Ihr Vertrauen ist zerstört. Auf der anderen Seite erzählen viele, wie sie gerade durch eine schwere Lebenskrise zu Gott gefunden haben. „Not lehrt beten“, sagt der Volksmund, und führt oft zu erstaunlichen Erfahrungen. Die Frage nach dem Leid fordert uns heraus.

Wo kommt das Leid her?

Wenn Gott der Einzige wäre, der Einfluss auf diese Welt hätte, sähe sie tatsächlich anders aus: heil, herrlich und wunderbar. Keine Verletzungen, keine Brüche, keine Tränen.

Die Bibel erzählt von einem Anfang, an dem alles genau so war. Die ersten Menschen lebten in einem wunderbaren Garten, liebten einander und kannten Gott von Angesicht zu Angesicht. Doch dann geschah der erste große Bruch: der Vertrauensbruch gegenüber Gott, der in den Zerbruch der Beziehungen mündete. Auch die Beziehung zu Gott war zutiefst beschädigt, sodass sie den Garten Eden verlassen mussten und nun keinen unmittelbaren Kontakt zu ihrem Schöpfer mehr hatten.

Seitdem zieht sich ein tiefer Riss durch alles auf dieser Welt: Jeder kämpft gegen jeden (Menschen, Tiere, Männer und Frauen, Reiche und Arme, Völker, Rassen, Parteien …), um sein eigenes Überleben zu sichern. Vieles Wunderschöne in der Natur hält nicht lange, sondern ist dem Verfall ausgesetzt. Nach der Sicht der biblischen Texte liegt in dieser Gefallenheit der Welt auch die Wurzel für Krankheit und Tod.

Gott hält die Spannung aus

Na und? Ändert das etwas an meinen Problemen, wenn ich weiß, dass am Anfang mal was schiefgegangen ist und wir es jetzt alle ausbaden müssen?

Für mich, ja. Sehr sogar. Weil ich sehe, dass das Leid seinen Ursprung nicht in Gott hat, sondern in der Abwendung von ihm. Er steht noch viel mehr als jeder von uns in dieser Spannung zwischen dem, was eigentlich sein sollte, und dem, wie es jetzt ist. Und er hält diese Spannung aus. Ständig. Damit wird er mir zum Zufluchtsort im Leid, nicht zum Kläger oder Verklagten.

Selig sind, die Leid tragen; denn Gott wird sie trösten.

Matthäus 5,4

Er könnte auch ein Machtwort sprechen und alles Übel verbannen – doch dann würde nicht viel übrigbleiben von uns und dieser Welt. Denn der Riss geht ja auch mitten durch uns, durch unser Herz und unseren Geist. Wir sind ja nicht nur die armen Opfer der bösen Welt, sondern oft genauso sehr Täter, die nicht nur Heilsames in die Welt setzen, sondern dunkle Gedanken hegen, andere verurteilen oder mit Spott, Neid oder Groll überziehen. So ungern wir diese Perspektive auch einnehmen: Auch unter uns haben andere zu leiden.

Der Abgrund

Jeder Mensch trägt diesen Abgrund des Bösen in sich. Seine Ursache ist schwer zu erklären. Auch die Erzählung vom Sündenfall erklärt letztlich nicht, wo das Böse herkommt: Die Schlange, die Eva und Adam verführt, erscheint einfach plötzlich auf der Bildfläche, obwohl die Schöpfung doch gerade noch sehr gut gewesen war. In der Welt, die Gott gemacht hat, gibt es immer die Möglichkeit, sich vom guten Schöpfer abzuwenden und eigene Wege zu gehen. Hätte Gott dieses Potenzial nicht zulassen wollen, hätte er Marionetten schaffen müssen. Doch wir haben die hohe Würde bekommen, als sein Gegenüber mit ihm in Beziehung treten zu können – und damit auch die Freiheit, uns anders zu orientieren.

Wir können uns gegen ein Leben mit ihm entscheiden. Allerdings müssen wir uns im Klaren sein, dass wir uns damit nicht nur von unserer Lebenswurzel entfernen, sondern anderen Kräften in die Hände spielen, die bewusst gegen den Schöpfer arbeiten. Wir hören es in unserer aufgeklärten, westlichen Welt nicht so gerne, aber auch hinter dem Bösen und Unheilvollen stehen personale Mächte, die uns beeinflussen können. Schon so mancher ist nach vollbrachter Katastrophe aufgewacht und hat sich gefragt, wie es möglich war, dass er so viele Menschen belügen, betrügen oder gar töten konnte. Unter allen psychologischen Motiven bleibt ein Abgrund, den die Wissenschaft nicht völlig ausloten kann.

Wo ist Gott?

Wo ist Gott, wenn er das alles zulässt? Ist es ihm egal? Schaut er einfach weg? Nein. Er ist selbst in diesen Abgrund hinabgestiegen. In Jesus Christus, seinem Sohn, ist er auf diese Welt gekommen, um uns nicht uns selbst zu überlassen. Mit seinem Tod am Kreuz, in dem er alle Last dieser Welt getragen hat, macht er sich eins mit dem Leid der Welt. Das ist die tiefste Antwort auf das Leid: Dass Gott selbst uns darin nicht alleine lässt, sondern es auf sich genommen hat.

Auch heute bleibt Gott nicht passiv. Wenn er Leid zulässt, will er uns tragen. Oft antwortet er auf unsere Gebete, indem er Not von uns nimmt und Abhilfe schafft. Aber manchmal bleibt das Leid bestehen. Dann kommt er mit seinem Licht mitten in die Dunkelheit. Gott ist nahe – gerade auch im Leid. Das ist die tiefe Erfahrung, die unzählige Menschen gemacht haben, wenn sie berichten, wie sie durch schwere Zeiten Gott nahegekommen sind. Diese tiefe Gottesbeziehung kann selbst schwerem Leiden einen tiefen Sinn verleihen.

Frauke Bielefeldt ist Theologin, Autorin und Lektorin


Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Basics des Glaubens“. Alle Artikel zu diesem Thema findest du auf dieser Webseite.

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