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„In den Nächten verwandelte sich unsere Stadt in ein Schlachtfeld“

Bombeneinschläge und Maschinengewehrhagel – das hat Melody Göttemann als Kind im Westjordanland erlebt. Im Interview erzählt sie von ihren Traumata. Trotz der Erlebnisse wurde sie zu einer Friedensstifterin in der umkämpften Heimat.

Melody, du hast als Kind Krieg erlebt. Wann war das?

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Ich bin als Missionarskind in der Nähe von Bethlehem aufgewachsen und habe in meiner Kindheit Krieg erlebt. Ich war zehn Jahre alt, als im September 2000 die zweite Intifada, also die palästinensischen Aufstände gegen die israelische Besatzungsmacht, begann; diese hielt bis Februar 2005 an. Meine Heimatstadt Beit Jala, die zur Region Bethlehem gehört, liegt südlich von Jerusalem. Nur ein großes Tal trennt uns von Gilo, einem Stadtteil von Jerusalem. Zu der Zeit kamen immer wieder bewaffnete Männer aus den umliegenden Dörfern in unsere Stadt, um auf Gilo zu schießen. Die Antwort darauf bekam dann die Bevölkerung von Beit Jala ab. In den Nächten verwandelte sich unsere Stadt dann immer in ein Schlachtfeld. Ich wurde regelmäßig von Bombeneinschlägen und Maschinengewehrhagel aus dem Schlaf gerissen. Oft mussten wir als Familie mitten in der Nacht unsere Wohnung verlassen, um zwei Etagen tiefer in die sichere Wohnung meiner Oma zu gehen, da diese im arabischen Stil aus dicken Natursteinen gebaut war. Dort versammelten sich dann alle Verwandten, die in unserem großen Familienhaus lebten.

„Bis heute habe ich große Erinnerungslücken aus dieser Zeit. Es fehlen mir Jahre, in denen ich nicht in der Realität gelebt habe. Ich fühlte mich von der Welt abgeschnitten.“

Wie haben dich diese Erfahrungen beeinflusst?

Dieses Trauma hat bei mir zu schweren psychischen Problemen geführt. Stress führte mich in eine innere Starre. Meine Wahrnehmung veränderte sich. Ich erlebte etwas, das man in der Psychologie Dissoziation nennt. Mein Körper aktivierte einen mentalen Schutz- oder Abwehrmechanismus, der sich anfühlte, als würde ich „neben mir stehen“. Ich lebte in Traumwelten und lernte, mein Umfeld, meinen Körper und meine Gefühle völlig auszublenden. Für mein Umfeld sah es so aus, als wäre ich einfach verträumt. Ich hatte jedoch viel mehr als nur Tagträume. Manchmal bin ich morgens in die Schule gegangen, habe mich in den Unterricht gesetzt und bin dann komplett in meine Traumwelt abgetaucht. Ich befand mich dann in einer Welt, in der ich mich sicher und mächtig fühlte. Ich war die Drehbuchautorin in meinem eigenen Film.

In dieser Zeit hatte ich mich so sehr in mich selbst zurückgezogen, dass ich nur wenige soziale Kontakte hatte und schulisch ziemlich stark hinterherhinkte. Doch ich schaffte es nicht, mich zurück in die Realität zu kämpfen. Ich war gefangen in mir selbst. Ich habe viele Jahre gebraucht, um aus diesen Fantasiewelten herauszufinden.

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Bis heute habe ich große Erinnerungslücken aus dieser Zeit. Es fehlen mir Jahre, in denen ich nicht in der Realität gelebt habe. Ich fühlte mich von der Welt abgeschnitten. Als ich endlich erkannte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte, dass ich die Abiturprüfungen nicht bestehen würde, überfiel mich Panik. Ich hatte das Gefühl, als würde ich in einem abstürzenden Flugzeug neben dem Pilotensessel sitzen, auf die Instrumententafel schauen, aber die Maschine selbst nicht kontrollieren können. So erlebte ich einen weiteren Kontrollverlust.

Ich schrie zu Gott und bat ihn, das Steuer zu übernehmen und mich zu retten. Ich erlebte dann, wie Gott mich Schritt für Schritt aus der Dunkelheit herausführte, wie er meine Schritte lenkte und sich mir später während meiner Ausbildung in Deutschland immer mehr offenbarte. Ich traf die Entscheidung, mich Gott ganz zur Verfügung zu stellen. In den zehn Jahren danach erlebte ich, wie Gott meine Kreativität und meine Gabe zum Geschichtenerzählen nutze, um Kindern im Werk meiner Eltern, dem christlichen Freizeitzentrum Beit Al Liqa’, Gottes Wort und seinen Rettungsplan nahezubringen.

Trotz deiner Kriegserlebnisse bist du mit deiner Familie wieder in den Nahen Osten gezogen. Wie kam es dazu?

Ich habe in Deutschland eine theologische Ausbildung gemacht, habe meinen Mann kennengelernt und war danach in einem Schulungs- und Begegnungszentrum in den Palästinensischen Autonomiegebieten als Friedensstifterin in der Arbeit mit Kindern und Frauen tätig. Inzwischen war ich Mama von vier Jungs.

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Ich hatte die vergangenen zehn Jahren, in denen ich mit meinem Mann und meinen Kindern dort leben durfte, als relativ ruhig erlebt. Die Menschen hatten sogar nach erneuten Friedensgesprächen wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft geschöpft. Auf eine Lösung für den Konflikt.

Doch dann kam der 7. Oktober 2023. Als an diesem Morgen die Raketen von Gaza Richtung Jerusalem abgeschossen wurden und einige davon am Rande unserer Stadt auf einer Straße unterhalb der Schule unserer Kinder einschlugen, brach in mir Panik aus. Meine beiden älteren Söhne befanden sich in der Schule und mein erster Gedanke war: „Ich bin nicht bei ihnen!“ Längst vergessene Wunden brachen in mir auf. Angst und Unsicherheit überfielen mich. Sie stürzten mich in ein inneres Chaos. Die Unberechenbarkeit, die diese Ereignisse mit sich brachten, kannte ich nur zu gut. Bis heute kämpfe ich mit den Auswirkungen, die diese Ohnmacht in mir bewirkt hat. Diese innere Starre und Leere waren wie eine Flucht nach innen auf der Suche nach Sicherheit und Beständigkeit. Ich brauchte irgendetwas, das bleibt. Diese Gefühle waren zu dieser Zeit mein ständiger Begleiter.

Als wir in den darauffolgenden Tagen langsam das Ausmaß der Ereignisse mitbekamen und die ersten Menschen – unter anderem alle deutschen Lehrer und der deutsche Schulleiter der Auslandsschule unserer Kinder – das Land für ungewisse Zeit verließen, fingen wir als Familie an, über unsere nächsten Schritte nachzudenken. Ein Satz, der sich immer lauter in mir breitmachte, war: „Ich kann das nicht! Nicht noch einmal! Ich möchte nicht, dass meine Kinder das erleben, was ich als Kind erlebt habe!“ Die Kriegserfahrungen aus meiner Kindheit hatten mich so traumatisiert, dass ich gemeinsam mit meinem Mann die Entscheidung traf: Um mich und unsere Kinder zu schützen, müssen wir das Land verlassen und nach Deutschland fliehen.

„Es hat eine Weile gedauert, bis ich gelernt hatte, den Stürmen in mir nicht nachzugeben, sondern auf Gott zu schauen und seinen Frieden zu erleben.“

Was hilft dir, mit deinen Kriegserlebnissen umzugehen?

Im vergangenen Jahr habe ich gelernt, was es bedeutet, zurückzuschauen. Es kann heilsam sein, aber nur, wenn man nicht stecken bleibt und erstarrt in dem, was man erlebt hat. Wenn ich meine Traumata und die damit verbundenen Gefühle von Angst und Ohnmacht durchlebe, laufe ich Gefahr, dass mich diese wie eine Flut überwältigen und ich darin ertrinke. Ich sehe mich selbst dann nur noch als Opfer meiner Umstände.

Wenn ich aber lerne, meinen Blick darauf zu richten, wie Gott mich in all dem bewahrt hat und mir begegnet ist, kann ich nicht anders, als dankbar zu sein. Denn durch all die schweren Dinge, die ich erlebt habe, habe ich schon als Kind einen so festen Glauben entwickelt, der mich bis heute durchträgt und resilient gemacht hat. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gelernt hatte, den Stürmen in mir nicht nachzugeben, sondern auf Gott zu schauen und seinen Frieden zu erleben. Er gibt mir die Sicherheit und Beständigkeit, die ich brauche. Er ist JAHWE – er ist und bleibt immer derselbe. Er hat alles unter Kontrolle. Ihm entgleitet nichts. Er kann das Böse und Schlimme, das ich erlebt habe, zum Guten wenden und seine Macht und Herrlichkeit offenbaren.

Ich habe erlebt, wie Gott mich durch die traumatischen Ereignisse und Schicksalsschläge in meinem Leben hindurchgetragen hat. Durch seinen Frieden habe ich wieder Hoffnung und Perspektive gefunden. Es ist mir ein Herzensanliegen, anderen zu helfen und ihnen Mut zu machen, den Krisenzeiten ihres Lebens so zu begegnen, dass sie gestärkt und resilient aus dieser Zeit hervorgehen. Das können sie aber nur, wenn sie die Kontrolle an Gott abgeben und lernen, an seinen Verheißungen und Zusagen für ihr Leben festzuhalten. Er ist der Autor und Vollender meiner Geschichte und er schreibt bis heute Geschichte mit seinen Menschen und seinem Volk.

Nach den erschütternden Erfahrungen, die ich machen musste, ist es mir heute umso wichtiger, an Gottes Berufung für mein Leben festzuhalten. Ich bin eine Friedensstifterin. Irgendwann möchte ich in meine Heimat zurückkehren, denn ich glaube fest daran, dass jeder in diesem Land Gottes Frieden erleben kann. 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Melody Göttemann war zehn Jahre lang in einem Schulungs- und Begegnungszentrum in den Palästinensischen Autonomiegebieten als Kinder- und Frauenreferentin tätig. Seit Ende 2023 lebt sie mit ihrer Familie in Deutschland.


Ausgabe 1/25

Dieser Artikel ist in der Frauenzeitschrift Lydia erschienen. Lydia ist Teil der SCM Verlagsgruppe, zu der auch Jesus.de gehört.

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2 Kommentare

  1. Nicht nur auf Wunder warten, sondern sie vorbereiten

    Ich kann auch gut verstehen, daß Melodie Göttemann mit ihrer Familie wieder in Deutschland lebt. Beruhigend ist es, wie ein festes Vertrauen auf Gott sich auswirkt, wenn sie schreibt: „Es hat eine Weile gedauert, bis ich gelernt hatte, den Stürmen in mir nicht nachzugeben, sondern auf Gott zu schauen und auch seinen Frieden zu erleben“! Melody Göttemann war zehn Jahre lang in einem Schulungs- und Begegnungszentrum in den Palästinensischen Autonomiegebieten als Kinder- und Frauenreferentin tätig. Sie ist ein Mensch mit einem sehr großen praktischen Gottvertrauen.

    Es sei hier nochmals in den Raum gestellt, daß es nicht nur in, sondern auch um Israel herum eine große Wolke von Friedensbewegten gibt, die all dies auch zu leben versuchen. Allerdings verdient das von mir so geliebte Israel und der ganze Nahe Osten nur das Prädikat „Heiliges Land“, wenn ein Heiliger Geist dort auch weht. Der wirkt aber nicht nach dem Gieskannenprinzip und nur, wenn neben den Friedensbewegungen sich auch die Diplomaten endlich auf die Laufbahn ihres Kampfes begeben, nämlich kraftvoll in der Ukraine, Israel, in der Westbank und im Gazastreifen Frieden einkehrt. Dazu müssen alle Bemühungen intensiviert werden. Mit Leuten wie Donald Trump oder beispielsweise Putin geht dies nicht, denn diese beiden sind nur wie riesige Elefanten im Porzellanladen und zuviel Porzellan ist auch schon vernichtet. Wir alle sollten für den Frieden beten und wir alle müssten auch friedensbewegter sein.

    Da ist Nelson Mandela für mich ein großes Beispiel. Er trank mit dem Anführer der Opposition und seinem Todfeind (der wollte Mandela ermorden lassen) viele Tassen Tee. Man erkannte dann auf einer persönlichen Ebene, daß jeder nur ein Mensch und. durchaus auch liebenswürdig sein kann. Das führte dazu, daß Versöhnung begann, Mandela nicht plangemäß beseitigt wurde, sogar freie Wahlen stattfinden konnten und anschließend auch Versöhnungskommitees dazu dienten, die Beziehungen zu verfestigen und möglichst so persönliche Traumatas langfristig aufzuarbeiten.

    Die Versöhnungsgruppen fehlen mir überall, wo Diplomaten wenigstens teilweise erfolgreich sind. Leider muss man auch mit Todfeinden reden, denn nur wer sich dieser schwersten Aufgabe zu stellen bereit ist, kann letztlich den Blumentopf gewinnen. Unsere derzeitige Kriegsrethorik kann man nachvollziehen, aber darf sie keineswegs auch verinnerlichen. Denn die Zeit unseres Unfriedens auch in Europa darf nur eine überschaubare sein. Doch leider habe ich ein unausrottbares und sehr großes Misstrauen gegen jene obskure Logik und Ethik, welche in den Atombomben die Rettung unserer Welt sieht. Die Realität beweist, daß trotz einer immer noch übergerüsteten Welt, die dadurch vor dem Abgrund steht, die Kriege und der Terror in der Ukraine, in Israel, in der Westbank und im Gazastreifen auch mit der atomaren Bedrohung keinesfalls aufhörten. Wenn wir nicht mehr wirklich – zuerst in unseren Herzen – vollständig abrüsten wollen, graben wir indirekt unser eigenes Grab hier auf unserer schönen Erde.

    Ich glaube zudem, daß der Frieden erst mit der Wiederkunft des Messias eintritt, auch und vorallem im Nahen Osten. Sagte nicht Jesus jene Worte, die man heute allzu gerne bösartig modernen Theologen zu Unrecht unterschieben würden: „Das Himmelreich ist nicht etwas, was dann irgendwo besteht oder zu uns kommt, sondern es ist in euch“! (in eurem Herzen). Jetzt sinngemäß zitiert. Und es behaupte niemand, auch der Heilige Geist, wenn man ihn lässt, wehe nur bei Christen – er weht überall wo Menschen erkennen daß andere Menschen auch Menschen sind und die gleichen Bedürfnisse nach einer Gemeinschaft und Liebe haben. Aber unsere wertvolle Treue zu Israel müsste geradezu der Grund sein, seiner Regierung auch deutlichst die Leviten zu lesen.

    Mein Vorschlag wäre, wäre ich prominent: Verwirklicht im Nahen Osten die Zwei-Staaten-Lösung, Jerusalem unter einer UN-Verwaltung zur „Welt-Religions-Hauptstadt“ und beteiligt hier Israel und den neuen Palistinänsischen Staat an der Verwaltung von Jerusalem. Denn nicht die Religionen wie Judentum, Christentum und der Islam, die sich auch auf Moses und Abraham berufen (oder die Atheisten) sind schlecht, sondern Menschen, die von Kindesbeinen an Hass und Vorurteil eingeimpft wird, die eben durch neuen Hass und brutalere Gewalt immerzu neue Verletzung erfahren.

  2. Kann ich gut verstehen, dass die Familie nach Deutschland zurückkehrte. Gut, dass hier Frieden herrscht. Im nahen Osten kann man wirklich Schreckliches beobachten.

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