Grenzen spielen im menschlichen Alltag eine große Rolle: Die Leistungsfähigkeit unseres Körpers ist begrenzt, ebenso unsere geistigen Fähigkeiten – und die Finanzen sowieso. Weil in uns aber eine grenzenlose Sehnsucht ist, leiden wir darunter. Christof Lenzen erklärt, wie Ostern unsere Grenzen sprengt.
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Wir sind in unserer Welt Heimatlose, die gleichzeitig grenzenlos und doch so eingeengt sind. Aber unser Herz will Heimat finden, mitten in diesem Spannungsfeld. Beide Pole möchte ich beschreiben. Denn das Heimatlose – das empfinden wir oft in unserer Geschäftigkeit nicht mehr. Das Leben hält uns auf Trab und wir kommen nicht in Kontakt mit dem tiefsten Sehnen unseres Herzens. Ich begleite gerade einen Mann, der viele Jahrzehnte einfach nur funktioniert hat. Sechs Tage die Woche arbeiten, für Familie da sein, Ziele erreichen, unterwegs sein. Nun entdeckt er Gott – und plötzlich „schmeckt“ er, wie schal das alles ist, wenn man darin seinen Halt sucht. Dass all das Geschäftige, Rastlose ihn nicht sättigt, die Ursehnsucht seiner Seele nie gestillt hat. So sitzen wir im Augenblick öfter zusammen auf einer Bank im Wald und reden über diese Sehnsucht … darf ich Sie als Leser ein wenig in unsere Gedanken mitnehmen?

Grenzenlose Möglichkeiten

Wir sind grenzenlos. Wie nie zuvor dürfen wir Menschen die Welt entdecken. Reisen war noch nie so preiswert – mit allen wenig schönen Nebeneffekten auf die Umwelt. Aber auch durch das Internet haben wir Zugriff auf einen unendlichen Vorrat an Wissen der Menschheit, aber eben auch auf jede Menge Desinformation und Unsinn. Jeder kann, Geld und Zeit vorausgesetzt, grenzenlos reisen, entdecken, sich bilden. Die Welt steht uns offen. Was für ein Schatz! Man könnte glauben, dass diese Weite, diese Grenzenlosigkeit uns glücklicher macht. Neugieriger. Begeisterter. Aber das Gegenteil ist oft der Fall.

Nationalismus blüht weltweit auf. Das Fremde, Neue wird immer öfter nicht mehr als Bereicherung angesehen, sondern als Bedrohung. Menschen ziehen sich zurück. Begrenzen sich radikal. Schotten sich ab. Das gilt auch für die, die mit dem schnellen Tempo der Zeit nicht mithalten können und wollen – sie ziehen sich zurück ins Private. Bauen Mauern und grenzen sich ab. Eine Gegenbewegung findet statt. Mit der Globalisierung, den weiten Grenzen -– auch im Kopf – setzt das Gefühl der Heimatlosigkeit ein. Das Gefühl, Wurzeln zu verlieren. So wählt man den Weg in die Begrenzung, als sei dies die bessere Alternative

Und enge Grenzen

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Irgendwann hört man nur noch Musik, die man schon kennt und schaut wehmütig zurück. Die neue Musik „sei nicht mehr das Wahre“. Irgendwann will man keine neuen Orte mehr entdecken, sondern fährt immer und immer wieder an den gleichen Ort. Da ist es gut, da kennt man alles. Und das kleine Maß an Veränderung reicht als Verunsicherung.

Irgendwann beschränkt man sich auf die Menschen, die man schon kennt – neue kennenlernen? Schwierig. Irgendwann verschwinden diese bekannten Menschen. Ziehen weg. Sterben. Und dann kommt die Einsamkeit.

Irgendwie – ist das auch keine Lösung. Weder im Privaten, noch im Öffentlichen: das Sich-selbst-Einigeln und Grenzen-Ziehen aus Überforderung vor der Grenzenlosigkeit des Lebens. So stehen wir zwischen diesen beiden Polen. Und wissen nicht, wie wir leben sollen. Die totale Grenzenlosigkeit, die unendlichen Möglichkeiten überfordern uns – Rückzug ist der falsche Weg. Was nun? Ein Gefühl der Heimatlosigkeit kommt auf und das ist gut! Warum? Hier kommt Ostern ins Spiel.

Wurzeln, die wirklich Halt geben

Wenn wir uns in der Welt, in der wir leben, nicht beheimatet fühlen, dann mag das daran liegen, dass wir für eine andere Welt geschaffen sind, diese aber nie entdeckt haben. Die Bibel sagt, dass Gott die Sehnsucht nach Ewigkeit in unser Herz gelegt hat (Prediger 3,11). In jeden Menschen. Nur, dass der Mensch seine „Ewigkeit“, seinen Sinn, seine Verwurzelung oft in anderen Dingen sucht als in Gott.

Andere Länder zu bereisen, die Weiten des menschlichen Wissens zu entdecken, grenzenlose Möglichkeiten vor Augen zu haben – das alles ist wunderbar! Aber es nährt nicht die unerfüllte Sehnsucht in uns nach tiefer Verwurzelung. Denn wir werden nie an ein Ende kommen. Jedes Ja zu einer neuen Entdeckung, einem weiteren Hobby, einem unbekannten Ort ist gleichzeitig ein Nein zu anderen Orten, anderen Hobbys, anderen Entdeckungen. Wir sind begrenzte Menschen in einem begrenzten Leben – das uns eine Ewigkeitsverwurzelung niemals schenken kann und auch nicht muss!

In der Sehnsucht nach Verwurzelung kommt nun die andere Alternative in den Blick: der Rückzug, die Grenzziehung. Aber auch dort müssen wir eines Tages bemerken, dass die Dinge, die wir dort vorfinden, nicht zur Verwurzelung taugen. Nichts, was endlich ist, kann uns verankern im Strom der Zeit. Nichts, was uns genommen werden kann, kann Sinn geben. Nichts, was selbst im Strom der Zeit unterwegs ist, kann Ruhe in unser Herz bringen. Familie, Beruf, der gewohnte Ort, die eigene Nation: Das alles sind ja gute Dinge, aber es sind Scheinlösungen, wenn unser Herz nach Halt sucht.

Echte und falsche Wurzeln

Gott, der über der Zeit steht und in die Zeit hineinwirkt, ist der Einzige, in dem echte Verwurzelung möglich ist. Ostern bedeutet: Gott selbst hat sich hineingegeben in die Begrenztheit des Lebens. Ist Mensch geworden. Im vierten Kapitel des Lukas-Evangeliums wird erzählt, dass Jesus sich in die Wüste zurückzieht. Dort konfrontiert der Gegenspieler Gottes, der Teufel, Jesus mit menschlicher Grenzenlosigkeit als Verlockung, sich falsch zu verwurzeln. Jesus lehnt ab. Gott lässt sich in Jesus, seinem Sohn, freiwillig begrenzen und lebt in einem unbedeutenden Land am Ende der Welt. Begrenzt durch enge Grenzen, obwohl eigentlich grenzenlos in seinen Möglichkeiten.

Jesus macht vor, was es bedeutet in diesem Spannungsfeld – in dem wir ja auch stehen – in Übereinstimmung mit dem Vaterherzen Gottes zu leben. Verwurzelt zu sein. Und dadurch frei. Diese Freiheit, diese tiefe Verwurzelung konnten die Menschen damals nicht ertragen. Dass Jesus sogar sagte, dass er und Gott, der Vater, eins seien – das war zu viel! So kreuzigten sie ihn.

Auch heute will die Gesellschaft uns nicht verwurzelt sehen in Gott. Sie möchte uns anderweitig „pseudoverwurzeln“ – in toter Religion und ihren Regeln, in Macht, Ruhm, Sex, Geld, Familie, Nation – was auch immer. Ein freier Mensch mit echten Wurzeln ist für die Menschen immer ein Anstoß! Jesus geht diesen Weg bis in den Tod. In die maximale Begrenzung.

Freiwillig begrenzt

Der maximal Freie, Unbegrenzte, Verwurzelte geht in die größtmögliche Begrenzung. Und stirbt. Und Gott selbst nimmt diesen Tod – und entreißt ihm die Macht. Auferstehung. Die ultimative Grenze des Lebens: eingerissen! Jesus lebt und schenkt jedem, der ihm folgt den Heiligen Geist, also sich selbst als lebendige Gegenwart mitten im Alltag. Plötzlich ist es für uns möglich, durch die Beziehung zu diesem Jesus, uns in Vater, Sohn und Heiligen Geist zu verwurzeln. Plötzlich haben wir die Ewigkeit wirklich im Herzen. Im Geist. Im Körper.

Und die Möglichkeiten dieser Welt werden zum Abenteuerland, das wir genießen dürfen ohne den Ballast, ihnen einen Sinn zuschreiben zu müssen – wir sind in Gott verwurzelt. Und die Begrenztheit unseres Lebens dürfen wir verlassen, brauchen uns nicht abzuschotten, dürfen Familie, Beruf, das alltägliche Begrenztsein annehmen, weil wir wissen: Wir haben ewig Zeit. Und diese Ewigkeit beginnt: Jetzt. Durch Ostern ist das möglich geworden. Lebe verwurzelt!

Christof Lenzen ist Pastor der
Freien
evangelischen Gemeinde Gera.


Dieser Artikel stammt aus dem lebenslust Oster-Special „Ostern – Ein Hauch von Ewigkeit“, das es zu günstigen Mengenpreisen gibt. Das kleine Heft eignet sich besonders gut zum Weitergeben an Freunde, Nachbarn, Kollegen oder an Gottesdienstbesucher.