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20 Jahre nach 9/11: „Eine Perversion der Religion“

Die heutige pfälzische Kirchenpräsidentin Wüst war vor 20 Jahren in New York, als am 11. September 2001 islamistische Attentäter zwei Flugzeuge in die «Twin Towers» lenkten. Gemeinsam mit zwei Freunden wurde sie Zeugin des Terrors, der die Welt veränderte.

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Von Alexander Lang (epd)

Es ist einer jener Tage im Leben, die man nie vergisst. Dorothee Wüst saß am Morgen des 11. September 2001 beim Frühstück in New York, als islamistische Attentäter zwei entführte Passagierflugzeuge in die beiden Türme des World-Trade-Centers lenkten. Gemeinsam mit zwei Freunden wurde die heutige pfälzische Kirchenpräsidentin vor 20 Jahren Zeugin des Terrors, der die Welt veränderte: Rund 3.000 Menschen starben bei den Anschlägen auf die Twin Towers, auf das Pentagon in Washington und beim Absturz eines weiteren entführten Flugzeugs in Shanksville (Pennsylvania).

Trauriges Ende einer Rundreise

Für die heute 56-jährige Theologin war es das traurige Ende einer dreiwöchigen Rundreise an der Ostküste: Die damalige Gemeindepfarrerin in Kaiserslautern machte gemeinsam mit Pfarrer Wolfgang Schumacher, dem heutigen Beauftragten der evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz in Mainz, sowie einem weiteren Freund in New York Station. Am 10. September erkundeten die drei Pfälzer gemeinsam die Stadt. Die beiden Männer fuhren auf die Aussichtsplattform des «World Trade Centers», um die Aussicht über die Metropole zu genießen. «Ich trank lieber einen Kaffee bei ‚Starbucks‘ und sagte mir: Das steht morgen auch noch», erinnert sich die Kirchenpräsidentin.

Am nächsten Morgen wollte das Trio, das in einem Gästehaus auf der Insel Roosevelt Island im East River wohnte, für eine Strandwoche weiterreisen in den Norden, nach Cape Cod. Der Fernseher lief an diesem sonnigen Septembertag im Frühstücksraum. Dann wurden die ersten erschreckenden Bilder auf dem Bildschirm gezeigt: Qualm über Manhattan, Sirenengeheul, was war passiert? Gemeinsam mit anderen Hausgästen stiegen Wüst, Schumacher und ihr Freund auf die Dachterrasse, blickten aus sicherer Entfernung in Richtung Süden in den Finanzbezirk der Stadt.

Bilder immer noch im Kopf

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«Noch immer habe ich die Bilder der einstürzenden Türme im Kopf», sagt Schumacher. Schnell begriffen die geschockten Urlauber, dass es sich bei dem Vorfall um eine Katastrophe handelte, erzählen Schumacher und Wüst. Viele der amerikanischen Mitbewohner seien aus Angst und Trauer um Familienmitglieder oder Freunde, die in den beiden Bürotürmen arbeiteten, völlig aufgelöst gewesen. Als deutsche Touristen und auch als Seelsorger sei man in dieser Situation «außen vor gewesen» und habe sich zurückgenommen, sagt Wüst. Man habe helfen wollen – Blutspenden für die Opfer seien aber abgelehnt worden.

Fasziniert waren die drei Deutschen, die auf der Flussinsel festsaßen, davon, wie schnell die Amerikaner reagierten und solidarisch zusammenstanden. Wehende Flaggen und das Singen der Nationalhymne hätten die ethnisch, kulturell und religiös vielfältige US-Gesellschaft in der Ausnahmesituation verbunden, erinnert sich Schumacher. Für die von den Terroranschlägen Betroffenen hätten die Kirchen in den USA und auch in Deutschland gebetet. «Die Menschen brauchen das, wenn die Welt erschüttert wird», sagt Wüst.

Schuld liegt nicht bei Gott

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Die Schuld für die religiös begründete Tat von Fanatikern dürfe aber nicht auf Gott geschoben werden, betonen Wüst und Schumacher.

«Gott schenkt den Menschen die Freiheit, Gutes zu tun», sagt die Kirchenpräsidentin, «oder auch, Flugzeuge in ein Hochhaus zu steuern.» Der Terrorakt sei «eine Perversion von Religion» gewesen, sagt sie. Die Attentäter hätten die Religion für ihre Machtziele missbraucht, ergänzt Schumacher. Zu Unrecht sei der Islam insgesamt in Folge der Terroranschläge in Verruf geraten.

Mit dem Auto kamen die Urlauber über Umwege aus New York und landeten nach ein paar stillen Strandtagen in Cape Cod schließlich wieder in Deutschland – zur großen Freude ihrer Familien und Freunde, die sich sorgten. Wie jedes Jahr werde sie an «9/11» innehalten, «aber keine Betroffenheit zelebrieren», sagt Kirchenpräsidentin Wüst.

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3 KOMMENTARE

  1. Ic h war damals ein dreizehnjähriger Schüler und hatte mich am Vormittag über den Stundenplan beschwert. Schließlich legte ich mich am Nachmittag mit Kopfschmerzen ins Bett, bis meine Oma anrief: „Macht den Fernseher an! In Amerika ist Krieg!“ Bis dahin kannte ich die Twin-Towers nur aus „Kevin allein in New York“ und hatte keinen Bezug zu den Gebäuden, aber ich war alt genug, um zu realisieren, dass dieser Tag in die Geschichte eingehen würde.

    Aus den Opfern sind Täter geworden. 20 Jahre Krieg gegen den Terror haben ihn so mächtig werden lassen, dass er die mächtigste Militärallianz der Welt aus Afghanistan fegen konnte. Und der Westen hat noch immer nicht begriffen, dass dieser Form des fundamentalen Fanatikertums nur mit Vergebung wirksam zu begegnen ist. So seltsam es klingt: Vergebung lässt den Hass ins Leere laufen, glättet die Wogen und bringt Waffen langfristig zum Schweigen. Wenn die USA vergeben hätten, Afghanistan und Irak nicht in Brand gesetzt hätten und sich mit gleichem Einsatz um den Frieden und den Wideraufbau gekümmert hätten: Das wäre wahre amerikanische Größe gewesen. Die Welt wäre heute eine bessere.

  2. Vergebung ist am schwersten

    Vergebung ist am schwersten, denn Martin Wannhoff hat absolut recht. Wenn die Schwerter wirklich einmal zu Pflugscharen werden sollen, haben wir noch einen sehr weiten Weg. Ich will gar nicht behaupten, dass wir dies alleine durch unsere ethische Kraft, schon gar nicht als die heutige zerstrittene Weltgesellschaft schaffen können. Da braucht es eher die Bereitschaft, den Heiligen Geist zuzulassen. Nun bin ich ja immer schon überzeugt gewesen, dass dieser weht wo er will und nicht wo wir ihn immer vermuten oder gebucht haben. Diesen furchtbaren Kriegsbeginn am 11. September 2001, wie Frau Wüst zu recht behauptet eine Perversion von Religion (eigentlich Anti-Religion), dann auch wieder mit einem Krieg zu beantworten, muss mit besseren Lösungen bedacht werden. Die Welt bräuchte eine Art von Weltpolizei und Verbrecher durch (immer) absurde Kriege und Gewalttaten gilt es nicht mit Drohnen zu vernichten, was dann wieder andere Mordtaten produziert, sondern sie gehören verurteilt und müssen hinter Gitter. Dazu bräuchte man eine UNO mit Staaten, in denen die Mitglieder sich auf einen gleichen Stand ethischer Werte geeinigt haben. Global braucht es dann keine Soldaten, sondern Sozialarbeiter*innen und Entwicklungshelfer*innen. Ich erinnere mich an die Predigt eines Prädikanten anlässlich seines 50 jährigen Jubiläums seines ehrenamtlichen Predigens, wo er visionär und phantasievoll schilderte, wie die Menschen die Waffen und Atomraketen in den Museen besichtigen und gar nicht begreifen können, dass Menschen immer dachten, man könne Gewalt ernsthaft mit Gewalt bekämpfen. Niemand würde ja auch eine Sucht mit einer anderen Sucht bekämpfen. Auch wenn dies alles zu phantastisch klingt, ist es doch immerhin eine Prophetie, dass wir das Führen von Kriegen und das Praktizierens eines falschen Prinzipes böses mit bösem zu vergelten, die Menschen glaubten und es daher immer Gottes Wort war. Als Christinnen und Christen brauchen wir vielleicht vielmehr Mut zu real möglichen Visionen, auch wenn Helmut Schmidt einst sagte, wer Visionen habe solle zum Arzt gehen.

  3. Den Schreibfehlerteufel gibt es

    In meinem Kommentar sind mir am Textende in einer unendlichen Satzverlängerung logische Schreibfehler unterlauten. Richtig sollte es heißen:

    Auch wenn dies alles zu phantastisch klingt, ist es doch eine alttestamentliche Prophetie: Wir werden das Führen von Kriegen verlernen. Es ist ein falsches Prinzip böses mit bösem zu vergelten. Als Christinnen und Christen brauchen wir Mut zu Visionen unserer Zukunft, auch wenn Helmut Schmidt zu Lebzeiten empfohlen hatte „wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“!

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