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Kirche der Zukunft: Mehr Sehnsucht, weniger Moral

Der Mönch und YouTube-Star Pater Nikodemus möchte Geschmack auf den Glauben machen – ohne „Kirchensprech“. Dabei spart er auch nicht mit (liebevoller) Kritik an seiner eigenen Kirche.

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Pater Nikodemus Schnabel (43) meldet sich zum Videotalk aus Sant’ Anselmo in Rom, dem „Headquarter“ des Benediktinerordens, wo auch dessen Internationale Universität ihren Sitz hat. Der Pater hat als Berater im Auswärtigen Amt gearbeitet, er ist öfter auf Reisen und viel auch in (Sozialen) Medien unterwegs. Sein YouTube-Video #FrageinenMönch, in dem er auf Fragen über das Kloster-Leben, Kirche und Glaube antwortete, wurde über eine Million Mal aufgerufen.

Pater Nikodemus, Sie waren gerade in Deutschland, sind jetzt in Rom. Wo ist Ihr Lebensmittelpunkt?
In Jerusalem. Dort ist mein Kloster. Wir Benediktiner entscheiden uns für ein Kloster, nicht für einen Orden, wie Dominikaner oder Franziskaner etwa.

ich will gerne die Frage nach Gott wachhalten

Sie sind unterwegs im Namen des Herrn: Was liegt Ihnen besonders am Herzen?
Ich möchte Geschmack machen auf den Weg der Gottsuche. Ich leide ein bisschen darunter, wie Kirche und Glaube wahrgenommen werden von vielen: mit erhobenem Zeigefinger, als eine Art Moralagentur. Dabei fragt Benedikt schon in der Benediktsregel, im 5./6. Jahrhundert: „Wer ist ein Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Der soll Mönch werden. Wir sind also in meinen Augen Sehnsuchtsexperten! Ich will gerne die Frage nach Gott wachhalten. Und ich lebe im Kloster, weil ich finde: Hier ist der Raum, in dem Sehnsucht aufblühen kann.

Wie sind Sie in Berührung mit der katholischen Kirche gekommen?
Ich bin Scheidungskind. Meine Mutter war Schauspielerin, mein Ziehvater ein polnischer Künstler. Ich bin groß geworden in einer umgebauten Werkstatt, einer umgebauten Mühle, einer umgebauten Schule … Später habe ich im Waisenhaus eines katholischen Frauenordens gelebt. Die Ordensschwestern und der Pfarrer waren meine katholischen Erstkontakte. Der Weihrauch, die Kerzen, die Liturgie – das war wie Theater, aber auch eine heilige Sache. Ich bin überzeugt: Wir glauben ja nicht an ein Buch, sondern an ein Du – das ist Jesus Christus. Über Weihrauch, Kerzen, Liturgie vermittelt der Glaube sich über alle Sinne. Und ich bin auch gern in einer Weltkirche, gebe ich zu (lächelt).

Aber diese Weltkirche hat seit vielen Jahren große Probleme.
Ja, vor allem im deutschen Sprachraum. Das Problem ist, dass wir uns hier seit Jahrzehnten haben verzwergen lassen: als „Moralagentur“. Kirche, das sind die, die anständig und brav leben sollen. Darum wirken die Missbrauchsfälle so besonders unglaubwürdig. Und man muss auch deutlich sagen: Das ist eine totale Verfehlung unseres Auftrags! Es steht auch nirgendwo in der Bibel: Seid anständig, seid brav, benehmt euch! Das ist keine jesuanische Botschaft.

Ich sage ganz offen: Ich kann Leute gut verstehen, die mit der Kirche ringen. Sieht man die großen Verwaltungsgebäude, die hochprofessionalisierte Institution Kirche, kriegt man das Gefühl, dass da ganz viel Kruste ist. Aber ist da auch noch Glut? Mein Anliegen wäre deswegen: Mehr Sehnsucht, weniger Moral!

Es geht ja nicht nur um das Thema Missbrauch, sondern auch um hunderttausende Kirchenaustritte, darum, dass Frauen zwar viel zum Kirchenleben beitragen, aber Männer das Sagen haben …
Selbstverständlich. Gerade unsere Ordensfrauen machen eine geniale Arbeit, in schwer zugänglichen Regionen, auf der letzten Insel auf den Philippinen, wo eine Ordensfrau noch ein kleines Hospital „rockt“. Und viele von ihnen erklären: Weil wir nicht Teil der Machtstruktur sind, können wir zum Teil mehr bewirken, als wenn wir in einer gepanzerten Limousine vorfahren. Aber natürlich sollten Frauen viel mehr gehört werden und präsenter sein!

Wir haben in Deutschland eine starke Fokussierung auf diese Frauenfrage. Mich beschäftigt darüber hinaus seit Jahren die Frage der Internationalität. Wir müssten ernsthaft auch über das Thema Rassismus reden. Es ist für eine Weltkirche unentschuldbar, da blind zu sein. Wir haben seit Langem einen enormen Zuzug von Katholiken mit anderen Muttersprachen, anderer Nationalität, anderer Hautfarbe – die kommen aber bei uns überhaupt nicht vor! Und ich fürchte mich vor einer Kirche, die das letzte Biotop derer ist, die es toll finden, wenn „hier noch Deutsch gesprochen“ wird und „die Hautfarbe noch stimmt“ …

Sie selbst versuchen ein positives Bild von Kirche zu vermitteln. Warum lieben Sie die Kirche?
Weil dort Sehnsucht aufblühen darf. Es ist der Raum, wo man Gott am besten suchen kann. Menschen sind Sehnsuchtswesen. Und in der Liturgie, in den Sakramenten, wo Berührung wichtig ist, beim Untertauchen in der Taufe … macht man „ganzheitliche“ Erfahrungen. Wenn man sieht, was Kirche hervorgebracht hat, an Musik, an Architektur … dann spürt man: Wir sind fähig zur Gottsuche, fähig, etwas wie Schönheit zu erleben, Wahrheit zu schmecken. Im Glauben reifen wir zu einer Persönlichkeit, als Ebenbild Gottes geschaffen. Das ist meine Kirche.

Mönch ist nicht nur eine Figur im Computerspiel, die gibt es wirklich.


Sie sind sehr präsent in den sozialen Medien. Auf welche Resonanz stoßen Sie da?
Auf eine sehr positive. Die überwiegende Mehrzahl sind überhaupt keine gläubigen Menschen – sie finden aber interessant, was ich mache, und schreiben mir. Die häufigste Frage, die mir gestellt wird, ist die nach Tattoos. Was einen total wundert – Kirche und Tattoos! Ich antworte dann: Warum fragst du mich das? Ich bin ein Mönch! Als Begründung kommt dann: Ihr lest doch viel, denkt viel nach, betet – da stehen doch Jahrhunderte an Weisheit dahinter. Also: Was sagt so ein Weisheitslehrer zu den Fragen? Was ich deshalb in der katholischen Kirche total vermisse, ist der Dialog mit denen, die zum ersten Mal auf Religion und Glaube stoßen. Die sehen: Cool, „Mönch“ ist nicht nur eine Figur im Computerspiel, sondern die gibt es wirklich.

Geben Sie mit Ihren Aktivitäten auch so etwas wie Lebenshilfe, -orientierung?
Ständig. Das ist mein tägliches Brot. Da läuft viel über Privatnachrichten. Viele schreiben mir: „Ich hab dich im Video gesehen. Du sagst immer ‚Gott suchen‘ – wie geht denn das?“ Oder: „Kannst du mal für mich beten? Das macht ihr doch so.“ Ich bin davon berührt. Denn es ist nie banal. Wenn also Leute sagen, „Glaube interessiert keinen“, dann muss ich sagen: Nee! Meine Kirche hat da echt riesige Hausaufgaben vor sich. Schaffen wir es noch, uns normal und vernünftig auszudrücken, ohne Kirchensprech?

Mit Blick auf die Zukunft: Wie sieht Ihr Traum von Kirche aus?
Eine Kirche, die Verkrustungen aufbricht. Die einen Sehnsuchtsort gestaltet. Es wird anstrengend werden, denn die Kirche muss aus der Komfortzone raus. Mein Traum wäre wirklich, dass wir einen Sehnsuchtsraum für Gottsucher schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jörg Podworny


Jörg Podworny führte dieses (Online-)Interview für die Zeitschrift lebenslust, deren Redaktion er leitet. lebenslust gehört wie auch Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag.

3 Kommentare

  1. Hallo EinFragender,

    Moral empfinde ich wie genauso Ethik wichtig, aber Liebe (Gottesliebe, Nächstenliebe und auch mich selbst lieben zu dürfen), wäre doch eine Dimension höher. Denn Liebe vergibt auch unmoralisches und unethisches, ist aber weder unmoralisch noch unethisch. Nach Jesu Gebot die Feinde zu lieben, bedeutet daher keinesfalls, ihre Vorurteile oder Bösartigkeit zu relativieren. Ergo: Moral und Ethik sind ein schwieriger Spagat hin zur Liebe. Was mich an der Katholischen Kirche erfreut ist, dass sie in ihrer Lehre das menschliche Gewissen als Stimme Gottes höherwertiger ansiedelt als ein Papstwort zur Glaubensverkündigung. Allerdings ärgert mich dann sofort im Widerspruch dazu, dass es ein Lehramt gibt, um mit diesem die Hochwertigkeit des Gewissens sofort wieder zu relativieren: Es gibt nämlich angeblich ein irrendes Gewissen. Mein Problem dabei ist , dass man einen riesigen Katalog Rechtsvorschriften oder Kirchenrecht juristisch handhabt, also feststellt, ob z. B. eine Ehe (als ein Sakrament) überhaupt vollzogen wurde. Wenn nicht, darf man sie kirchenrechtlich für ungültig erklären lassen, in einem juristischen Verfahren. Gott liebt uns aber und sieht ins Herz, dies ist er Unterschied. (Moralische) Rechtsvorschriften können daher ziemlich lieblos und unchristlich sein. In damaliger Zeit, als der Papst die Pille verbot, wurde dies auch von vielen Priestern so empfunden. Ein Pillenverbot war/ist in der Seelsorge kaum vermittelbar. Das habe ich eindrücklich behalten, vor allem weil die Männer von himmlischen Bodenpersonal damals sehr erbost waren. Die Pille blieb ein Relikt.

    Als Evangelischer orientiere ich mich an dem, was ich sinngemäß in der Heiligen Schrift als Glaubenserfahrung aus Jahrtausenden und in der biblischen Begegnung mit Jesus Christus hier wiederfinde – und natürlich mit die Stimme Gottes in meiner Seele. Jede und jeder darf Gott auch um die richtige Erkenntnis bitten. Sehnsuchtsorte sind u. a. etwa die schön gestalteten Gottesdienste, wo die Liebe Gottes wirklich versprachlicht wird und auch die Sehnsucht nach dem Neuen Himmel und der Neuen Erde ins Visier rückt. Vielleicht mit dieser Sehnsucht verbunden wäre unser aller Bemühen, nach Kräften auch die Welt um uns herum etwas besser zu machen, bzw. liebevoll und geschwisterlich miteinander zu sein. Ich meine also durchaus nicht eine niederschwellige Gottesbegegnung. Sie kann eigentlich nicht niederschwellig sein, denn momentan sind wir Christen oder wir sind es momentan nicht, dann praktizieren wir das Evangelium nicht. Dies deshalb, weil es fatal wäre, wenn ich mein Christsein perfektionistisch verstehe. Es kann Augenblicke und längere Episoden in jedem Leben geben, wo wir uns selbst genügen und auf Abwegen sind. Besser ist es, ständig aus der Vergebung Gottes zu leben. Ich hoffe, dass dies nicht zu besserwisserisch klingt, es ist aber meine persönliche Überzeugung.

  2. Moral ist sehr sehr wichtig und wird falsch verstanden. Kirchliche Moral sollte weniger ein Zeigefinger sein, sondern mehr „Tipps von Gott“.
    Gott will uns helfen und gibt über die Propheten in der Bibel und bis heute lebendig über den heiligen Geist Hilfestellungen und einen Kompass. Diese Form von Moral versteht man sich und akzeptiert man gerne, weil es deutlich macht das es Menschlich ist auch Mal zu versagen.

    Sehnsuchtsort? Finde ich einen gute und wichtigen Gedanken für eine niederschwellige Begegnung mit Gott, aber mir fehlt hier dir lebendige Bezug mit Gott im Glauben. Das ist es was den christlichen Glauben ausmacht.

  3. Mehr Sehnsucht, weniger Moral(agentur),

    Pater Nikodemus spricht mir aus der Seele, obwohl es in meiner Ev. Kirche weniger um Moral, aber leider nur sehr minimalistisch oftmals um die Sehnsucht geht. Was ich kritisiere, erlebe ich auch als Mangel. Es gibt zumindest protestantisch nicht zu wenig rechtgläubiger Glaube oder eine vernünftige und erklärende Theologie in der Predigt. Aber die Predigten erlebe ich häufig als zu lang, langweilig, als eine ständige Wiederholung des an vielen Sonn- und Feiertagen formulierten – und wenig Sehnsucht generierend. Was ich, wir und unsere Kirchen m.E. dringend benötigen, ist ein mehr charismatisches Christentums, eines der vernünftigen Begeisterung, einen liebevollen geschwisterlichen Umgang – und viel viel mehr Kommunikation. Kommunikation unter Christinnen und Christen ist das A und O des Glaubens. Fromm ausgedrückt: Wir brauchen oftmals in den Gemeinden mehr Gemeinschaft, den erlebbaren Leib Christi und Hoffnungsbotschaften. Stattdessen schlurft in meiner Ev. Gemeinde in der Pfalz, in einer Großstadt, nur eine kleine Schar (manchmal nur ein Dutzend) Rentner*innen in den Gottesdienst. Der Gemeinde ist über die Jahrzehnte die Kerngemeinde abhanden gekommen, die Konfirmanden zeigen der Sonntagsfeier die kalte Schulter und aus den genannten Gründen gibt es hier selbst keine Gruppen, Kreise und Treffs. Man geht lustlos am Sonntag zur Predigt und zum Abendmahl wie zu einer meistens langweiligen Routineveranstaltungen und nach einem kleinen Schwätzchen danach wieder nachhause. Rettungsinseln sind noch die verschiedenen Chöre und die Citykirchenarbeit. Dass Jesus eine Revolution der Liebe zu Gott und den Menschen anzettelte, ist völlig außer Blick geraten und man überlässt solche ungehörigen Grenzüberschreitungen lieber den Sekten oder der Esoterik. Übergemeindliche Angebote mit etwa Segensgottesdiensten, aber auch Salbung, Taizegesänge und viele Kerzen oder anderen Elementen freuen sich, welch Wunder, dabei einer großer Beliebtheit bei übergemeindlichen Angeboten. Es liegt also nicht nur am Traditionsabbruch, dem alles oder vieles zugeschrieben wird, sondern vor allem an einer geistlichen Faulheit. Die Sonne der Gerechtigkeit scheint nur noch durch dunkle Wolken zu schimmern und es ist naheliegend – etwa weil man Vergebung nicht offen bekennt und lebt – eher wie ein vergessenes Relikt aus anderen Zeiten. Die geistlichen Pfunde werden womöglich gut verwaltet, aber Jesus ist auf Golgatha nicht dafür gestorben, dass seine Kirche gut gemanagt wird. Es fehlt hier leider der schöne Prinz, der das Dornröschen namens Gemeinde mit all seinem Personal endlich aufweckt. Aber der Heilige Geist weht zwar immer, aber wenn man ihn durch Routine und durch die Erstarrung in Ritualen und Formen hindert, wird er uns nicht mehr um die Nase wehen. In seine eigene Taufe muss man auch landeskirchlich persönlich eintreten und die Heilige Geistkraft verleiht der Gemeinde nur Kräfte und Charisma, wenn sie sich in Bewegung setzt. Das Ideal der Urgemeinde ist heute so weit entfernt wie das Zentrum unserer Galaxis. Was wohl sehr notwendig wäre ist die moderne Urgemeinde und Menschen, die nicht nur Licht der Welt sein wollen, sondern es auch leben. Und da schließe ich mich, und auch in diese Kritik, absolut mit ein. Die schlimmste Sünde des Herrn oder Frau Pfarrer ist eine nichtsagende, dozierende und belehrende Predigt, bei der auch die Rückenschmerzen verursachenden Kirchenstühle nicht das Entdämmern in den beruhigten Kirchenschlaf verhindern. Der Traum vom guten Mittagessen ist da schon verlockender. Was hätte wohl Jesus dazu gesagt, wenn er sich aus Versehen am Sonntag dazu gesetzt hätte. Weil ich ihn mir nicht zornig vorstellen kann, hätte er wie einst über Jerusalem von Herzen geweint. Oder gefragt: „Habt ihr mich eigentlich völlig vergessen“??

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