- Werbung -

„Überfordert und ineffizient“: Scharfe Kirchenkritik im Deutschen Pfarrerblatt

Gottesdienste werden gestrichen, Pfarrer fehlen, die Verwaltung versagt: Ein Pfarrer kritisiert die Reformen in der Evangelischen Kirche scharf.

Mitgliederrückgang, Finanzprobleme, Traditionsabbruch: Die Evangelische Kirche steckt in einer tiefen Krise. Dr. Christoph Bergner ist Pfarrer im Ruhestand der Evangelischen Kirche in Hessen und ­Nassau. 23 Jahre ­lang war er Synodaler, 18 Jahre im Finanzausschuss der ­Synode tätig. Im Deutschen Pfarrerblatt kritisiert er in aller Schärfe die Reformprozesse innerhalb der Evangelischen Kirche.

- Werbung -

Bergners Kritik ist sowohl inhaltlich als auch strukturell. So kritisiert er die kirchliche Verwaltung der EKHN als überfordert und ineffizient. Haushaltsabschlüsse würden fehlen, Kontrollmechanismen hätten „versagt“. „Eigentlich aber wollte die Kirche eine moderne, effiziente Verwaltung aufbauen. Das ist gescheitert“, schreibt Bergner.

Ehrenamtliche entmachtet – Gemeinden fusioniert

Die Kirche habe sich „funktionalisiert“ und von der Basis entfremdet. Pfarrer sollen Manager, Pädagogen und Psychologen sein – oft ohne ausreichende Ausbildung. Pastorale Kernaufgaben wie Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge würden durch Kennzahlen und Effizienzvorgaben ersetzt. Entscheidungen über kirchliche Aktivitäten seien oft subjektiv und orientierten sich an Trends statt an theologischer Reflexion. Zudem fehle es am theologischen Nachwuchs. Die Gründe sieht Bergner in einer „systematischen Entwertung“ des Pfarrberufs – Gehaltskürzungen, fehlende Ausstattung und mangelnde Wertschätzung.

Die Reformprozesse der letzten Jahrzehnte hätten die Kirche in eine säkulare Organisation verwandelt, schreibt Bergner. Ehrenamtliche würden verdrängt, Synoden verkleinert, Gemeinden fusioniert. Dabei werde die Verbindung zwischen Pfarrer und Gemeinde systematisch gelöst. Die Kirche agiere wie ein Unternehmen, das sich selbst optimiert – aber dabei seine geistliche Identität verliert. Nähe zu den Menschen werde durch Struktur ersetzt. Die Folge sei ein Realitätsverlust: Die Kirchenleitung versteht die Gemeinden nicht mehr, und die Gemeinden verstehen die Kirchenleitung nicht. „Der Reformprozesse wirkt wie ein Entmündigungsprozess der Ehrenamtlichen und der Pfarrer“, so Bergner.

Die Angst, von Gott zu sprechen

Auch über die Gründe des „Scheiterns“ schreibt Bergner. Er greift in seinem Artikel die Kritik des praktischen Theologen Rolf Schieder auf, der den Kirchen im Juni „Theophobie“ vorgeworfen hatte („Die Welt“, 4.6.2025) – also die Angst, überhaupt noch von Gott zu reden.

- Werbung -

Dem stimmt Bergner zu und sieht darin einen zentralen Grund für die geistliche Krise der evangelischen Kirche. In öffentlichen Debatten, in kirchlichen Stellungnahmen und sogar in internen Prozessen fehle die theologische Sprache. Die Kirchenleitung lasse sich die Welt zunehmend von Soziologen erklären. Milieustudien, Mitgliederanalysen und gesellschaftliche Trends bestimmten die Richtung. Theologische Argumente spielen dagegen kaum noch eine Rolle. Reformen würden nicht theologisch begründet, sondern seien organisatorisch motiviert. „Zu den beängstigendsten Entwicklungen der jüngsten Zeit gehört der Ausfall von Gottesdiensten“, so Bergner. Und: „Die Vorstellung, dass die zentralen pastoralen Dienste von Ehrenamtlichen (50 € für den Gottesdienst, 20 € für den Unterricht) übernommen werden sollen, zeugt von einem abenteuerlichen Qualitätsbewusstsein.“

Bergner erinnert an Martin Luther, der in der Vorrede zur Offenbarung schrieb: „Unsere Heiligkeit ist im Himmel, da Christus ist, und nicht in der Welt, vor den Augen, wie ein Kram auf dem Markt.“ Diese Worte stünden im Kontrast zur heutigen Reformlogik, die alles sichtbar, messbar und funktional machen wolle. Am Ende stehe ein doppelter Realitätsverlust: Die Kirche verliere die Nähe zu den Menschen – und die Nähe zu theologischer Reflexion. Bergner bilanziert: Die Kirche habe sich von ihrem Zentrum entfernt – und damit auch von ihrer Berufung.

Was tun?

Die evangelische Kirche sei von den Gemeinden her aufgebaut – und müsse genau dort wieder ansetzen, fordert Bergner. Statt zentraler Steuerung und überdimensionierter Verwaltungsstrukturen brauche es überschaubare Aufgabenfelder, in denen Pfarrer, Kirchenmusiker und Gemeindepädagogen wieder echte Nähe zu den Menschen leben können. Die Gemeindeanbindung aller Mitarbeitenden sei entscheidend, um Seelsorge, Gottesdienst und Bildung wieder mit Leben zu füllen. Die aktuellen Großgemeinden und Verwaltungsmodelle seien weltweit einzigartig – und nicht bewährt.

Kirche müsse sich von ihrer Fixierung auf Mangel und Defizit lösen. Sie habe einen „großartigen Auftrag“ und verfüge über erhebliche Ressourcen – personell wie finanziell. Doch diese würden durch überbordende Bürokratie blockiert.

- Werbung -

Zum Schluss wird Bergner noch einmal deutlich: Die Impulspost „Du bist nicht allein“, die Mitglieder der EKHN kürzlich erhielten, sei ein trauriges Symbol für den Verlust der Nähe. „Da die Zeit für einen Besuch und für verlässlichen Kontakt zu den Gemeindemitgliedern fehlt, gibt es jetzt die Nähe durch Papier. Schmerzlicher hätte man den Verlust der Nähe nicht dokumentieren können.“

Den kompletten Artikel von Dr. Christoph Bergner können Sie im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt lesen.

NEWS & Themen

Konnten wir dich inspirieren?

Jesus.de ist gemeinnützig und spendenfinanziert – christlicher, positiver Journalismus für Menschen, die aus dem Glauben leben wollen. Magst du uns helfen, das Angebot finanziell mitzutragen?

NEWSLETTER

BLICKPUNKT - unser Tagesrückblick
täglich von Mo. bis Fr.

Wie wir Deine persönlichen Daten schützen, erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Abmeldung im NL selbst oder per Mail an info@jesus.de

WAS KANNST DU ZUM GESPRÄCH BEITRAGEN?

Bitte gib hier deinen Kommentar ein
Bitte gib hier deinen Namen ein