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Heißt länger zu leben auch mehr zu leben?

Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind

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Die zweiwöchentliche Kolumne von Tom Laengner


Ein Freund stirbt und plötzlich steht das Thema Tod im Raum. Groß, erschreckend und unwirklich. Tom Laengner will sich davon nicht lähmen lassen.

Es war ein goldener Oktobertag mitten im November, als ich meinen Freund Hans Jürgen beisetzte. Das frische Grab lag ganz nah an unserer alten Schule. Meistens saßen wir dort bequem auf unseren Stühlen. Und wir hätten das Mobiliar noch häufiger genossen, wenn das nicht die alten Kastanien im Steeler Stadtgarten gewesen wären. Da saßen wir unter dicht belaubten Bäumen und dachten nach. Wenn auch ohne Herrn Koch, und wie sie alle hießen.

Jetzt war Hans Jürgen an Krebs gestorben. Mit gerade mal 60 Jahren. Ich stehe etwas ratlos am offenen Grab und soll mich zwischen einer Schaufel Erde oder Rosenblättern entscheiden. Seltsame Gedanken in einer mir unwirklich erscheinenden Situation, nicht wahr?

„Ist ein Fest schöner, weil es länger ist?“

Das Leben ist irgendwie undurchschaubar und wirkt nicht unbedingt fair. Doch immerhin wurde mein Schulfreund doppelt so alt wie die Malerin Paula Modersohn-Becker. Kurz bevor die Dresdenerin mit 31 Jahren starb, schrieb sie: “Ist ein Fest schöner, weil es länger ist?“ Ich finde es schön, das Leben als Fest zu begreifen,  auch wenn das den am Grab Stehenden nicht unbedingt über ihren Schmerz weghilft.

Es ist natürlich großartig, auch mit jungen Jahren auf ein erfülltes Leben blicken zu können. Die junge Expressionistin erlebte soviel Ablehnung wie sie Haare auf dem Kopf trug. Dennoch malte sie immer weiter und hinterließ etwa 1.000 Zeichnungen und 750 Gemälde. Doch die Qualität ihrer Arbeit hatte eine nachhaltige Qualität. Heute kann ich den ‚Jungen mit Ziege‘ für den Preis eines Bentley Continental mit 550 PS erwerben. Champions League! Ich habe mal ein Bild für 20 Euro verkauft. Die Käuferin hat es aber übermalt, weil die Farbe nicht zum Wohnzimmer passte. Bolzplatz! Aber deshalb aufhören zu malen? Nie im Leben.

Mozart und Bonhoeffer sollten die 40 Jahre Marke auch nicht knacken. Andererseits gibt es Menschen wie Clint Eastwood. Mit 90 ist er Hauptdarsteller in seinem eigenen Film ‚Cry Macho‘. Allerdings ist Eastwood wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang Eastwood und nicht ein Mann, der mal mit Ende 80 eine lustige Idee hatte. Ähnliches gilt für Elisabeth Cotton. Die afroamerikanische Folkmusikerin veröffentlichte ihre erste Platte mit bereits über 60. Als sie einen Grammy für ihr Schaffen bekam, war sie 90. Doch auf der Bühne stand sie da immer noch.

„Die Angst vor dem Tod soll mich nicht lähmen.“

Ich werde beides nicht können. Allerdings kann ich mich fragen, wie ich mein Leben heute gestalten kann, damit ich auch morgen noch Kraft habe. Ich meine, dass Jesus auch daran gedacht haben könnte, als er von der ‚Treue im Geringsten‘ sprach. Zum Beispiel: Ich möchte meine Enkelkinder nicht nur aus dem Sessel heraus besichtigen. Ich möchte mit ihnen spielen. Also hatte ich mir mal überlegt, beweglich zu bleiben: Fahrrad raus und der Chipstüte den vertrauten Platz im Regal gönnen. Das hat nicht so gut geklappt wie erhofft. Aber es wäre weitaus schlechter, wenn die Chipstüte weiterhin Chef im Ring geblieben wäre.

Und während ich dann doch eine Schippe mit Erde auf den Eichensarg werfe, bekräftige ich einen Entschluss. Soweit es mir möglich ist, soll mich die Angst vor dem Tod nicht lähmen. Stattdessen soll die Ehrfurcht vor Gott und dem Leben mich antreiben, meinen Jahren soviel Leben zu geben wie geht.

Alle Kolumnen von Tom Laengner findet ihr hier.


Tom Laengner ist ein Kind des Ruhrgebiets. Nach 20 Jahren im Schuldienst arbeitet er journalistisch freiberuflich und bereist gerne unterschiedliche afrikanische Länder. Darüber hinaus arbeitet er als Sprecher für Lebensfragen und Globales Lernen. In seiner Kolumne „Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind“ schreibt er regelmäßig über Lebensfragen, die ihn bewegen.

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