Auch wenn viele am Samstag Halloween feiern: Morgen ist Reformationstag. Mit Kürbissen und Spinnen hat der jedoch nichts zu tun, sondern mit den Zahlen 95 und 1517.

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Zu viele Missstände. Zu viel Machtmissbrauch. Zu wenig Inklusion. Zu wenig Gnade. Deshalb schrieb ein einfacher deutscher Mönch 1517 einen Rundbrief an die Kirchenobersten, in dem er 95 Thesen zur Diskussion stellte und Veränderungen forderte. Veränderungen, zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes. Und, so erzählt man sich, machte sich Martin Luther auf und lief an einem Herbsttag, dem 31. Oktober 1517, zur Stadtmitte Wittenbergs und hämmerte den eben verschickten Rundbrief an die Pforte der Schlosskirche. So wie es alle taten, die wichtige Neuigkeiten in der kleinen Stadt verbreiten wollten.

Noch heute strömen Touristen an diesen Platz und untersuchen die hölzerne Tür auf kleine Löcher, in denen einst die Nägel steckten. Doch diese Tür gibt es nicht mehr. Sie fiel einem Brand im Jahre 1760 zum Opfer. Die Ideen dieses Mönches leben jedoch weiter. Sie wurden hundertfach geteilt, diskutiert und umgesetzt. Sie waren Ausgangspunkt für eine einzigartige Veränderung. Eine Transformation, die die damalige (Kirchen-) Welt aus den Angeln hob, die die Kirche spaltete. Eine Reformation althergebrachter Traditionen und Machtgefälle.

Die Bibel in deutscher Sprache

Seitdem gibt es die Bibel nicht nur auf Latein, sondern auch in deutscher Sprache. Seitdem gibt es neben katholischer und orthodoxer auch die evangelische Kirche. Seitdem gibt es ständig Bestrebungen, die Kirche zu verändern, nah zu den Menschen zu bringen und Gottes Gnade sichtbar zu machen. In der Hälfte der deutschen Bundesländer ist der Reformationstag gesetzlicher Feiertag. Ein Gedenktag an Martin Luther. Den mutigen Mönch mit der Vision einer barmherzigen Kirche, einer Transformation kirchlicher Strukturen und eines Priestertums aller Gläubigen.

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Und deshalb werden nach dem großen Reformationsjahr 2017 auch jetzt noch die Errungenschaften der Reformation gefeiert. In diesem Jahr zum Beispiel in Niedersachsen unter dem Stichwort „Was verbindet“ – gerade auch in der aktuellen Pandemie-Krise. Im kommenden Jahr wird die Stadt Worms sich noch mal intensiv Martin Luther und den reformatorischen Gedanken nähern, in Erinnerung an Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag. (HT)

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3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Kernanliegen der Reformation

    Ein absultes Missverständnis wäre, hier würde die Person Martin Luther auf einen sehr hohen Sockel gestellt. Dies könnte das Allzeitthema verewigen, dass auch unser Reformator ein Mensch ist, wie die Bibel sagt „ein Sünder“, also keinesfalls vollkommen. So wie wir alle nicht vollkommen sind. Jener Martin von 1517 war durchaus selbstkritisch, denn er sah sich nicht als ein Licht in der Welt oder Salz der Erde, wie es so schön in der Bergpredigt steht. Vielmehr suchte er nach dem gnädigen Gott und war bemüht, ihn gewogen zu stimmen. Aber niemand ist ohne Schatten und kein Mensch kann über seinen Schatten springen. Dann erkannte Martin Luther, dass niemand Gott gnädig stimmen kann, die Liebe Gottes unverdienbar ist und der Schöpfer aller Dinge in Wirklichkeit ohne Vorbedingungen gnädig und barmherzig ist: Liebe ist selbstlos und wenn Liebe selbstlos ist dann wird sie so beschrieben im Gleichnis vom Verlorenen Sohn oder von dem Hirten, der die 99 Schafe verlässt, um das eine unter die Dornen gefallene zu finden. Ein verlorenes Schaf kann nichts zur eigenen Rettung tun. Ein Glücksfall und/oder himmlische Fügung war die vorherige Erfindung der Buchdruckerkunst: Nun konnte jeder lesen, was Jesus gesagt, getan, wie er gestorben und auferstanden ist. Die weltweite Kirche der Christinnen und Christen in allen Konfessionen und Einzelkirchen benötigen eigentlich eine ständige Reformation in jenem Sinne, dass wer zur Quelle zurückschwimmt, auch zum Kern des Glaubens kommt. Eine solche weltweite Kirche Jesu Christi kann nur ökumenisch sein ,zumindest im Sinne einer Einheit in der Vielfalt. Dass die Gläubigen immer noch am Tisch des Herren getrennt sind, ist ein Skandal, der gegen jede andere verbale Äußerung immer noch im Sinne des Status quo verwaltet wird. Die Spaltungen der Christenheit durch Dogmatismus und unterschiedlliche auch theologische Überzeugungen können zuerst nur dadurch überwunden werden, wenn die Nachfolge Jesu wieder mehr miteinander beten und einen authentischen Glauben leben. Das kann man gut auch in Zeiten knapper Gelder. Den Heiligen Geist gibt der Himmel kostenlos, wenn man ihm keine Knüppel zwischen die Beine wirft.

    • Reformationsanliegen unwichtig ?

      Es ist schon interessant, dass sich hier zu diesem Thema keine Menschen tummeln, keiner Ideen oder Visionen hat, wie Glauben und Kirche aussehen müssten. Bedenklich ist, wenn wir alle – durchaus legitim – sehr unterschiedliche Bilder und Überzeugungen von Kirche/Glauben haben, die aber eher eingefroren wirken oder wie Standbilder. Sich so, wie es Luther meinte, immer am Wort Gottes zu orientieren bedeutet auch, dass das Ziel auch der Weg ist und wir als Christen eigentlich in Bewegung sind im Sinne einer ständigen inneren Reformation. Zugespitzt: Wer sich nicht bewegt schläft. Wir müssen als Gläubige heute nicht bereits beantwortete Fragen beantworten, sondern neue Fragen stellen und neue Antworten geben. Neben dieser eher äußerlichen Aufgabe gibt es die innerliche, nämlich an den Hecken und Zäunen der Welt Gott in einer neuen und jedem verständlichen Sprache zu erklären. Oder wieder ein stückweit mit den Menschen zu leben oder an ihrem Leben teilzunehmen. Die Revolution der Liebe Gottes, die von der Urgemeinde noch gelebt wurde, hat sich in 2000 Jahren abgeschliffen. Sie wurde auf Moral und Ethik verkürzt, auf ein christliches Lebensabschnittsprogramm von der Wiege bis zur Bahre und es wundert niemand, dass uns Christen und Gemeinden die Leute abhanden kommen. Reformation könnte auch bedeuten, das alte Lied wieder zum Leben und zur Verwirklichung zu verhelfen „weck die tote Christenheit, aus dem Schlaf der Sicherheit“! Denn in der Coronakrise ist uns ja die Sicherheit und die Vorstellung von ewigem Wohlstand teilweise abhanden gekommen. Allerdings hat mich schon als Kind das reformatorische Kampflied „ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ doch (nicht nur irrtümlich) dazu verführt, mir eine Burg vorzustellen, Leute mit Schwertern, die gegen etwas mit Gewalt kämpfen. Das mag aus Luthers Zeit heraus so gedichtet nachvollziehbar sein. Nur heute darf man nicht von einem geistlichen Krieg gegen irgend jemand sprechen, sondern von dem Gegenteil von Krieg. Die Person mit dem Pferdefuss in unserer Seele kann jede/r am besten mit einem Gegenprogramm vertreiben. Seine Feinde darf man lieben, in dem man nicht auf ihrer Ebene agiert und gleiches mit gleichem vergilt, sondern wenn man überhaupt einmal mit ihnen ins Gespräch kommt. Dann legen sie vielleicht ihre Waffen aus der Hand und es ist eine andere Art von Sieg. Dies wären Stichworte dafür, was alles reformatorisch ist und nicht so altbacken daher kommt.

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