Mädchen
Foto: pixabay
Die Bischofskonferenz wollte die Ergebnisse ihrer Studie zu sexuellem Missbrauch am 25. September vorstellen. Die Vorab-Veröffentlichung von Teilen daraus kritisierte sie scharf, zeigte sich über die Resultate aber betroffen.

Jahrzehntelanger Missbrauch und Vertuschung: Die Studie der Deutschen Bischofskonferenz über den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in der katholischen Kirche präsentiert dramatische Zahlen, wie mehrere Medien am Mittwoch berichteten. Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zufolge erfasst sie zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 sexuelle Vergehen durch 1.670 Kleriker an überwiegend männlichen Minderjährigen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete von Aktenvernichtung. Die Opfergruppe „Eckiger Tisch“ und die Initiative „Wir sind Kirche“ sprachen von erschütternden Zahlen. Die Deutsche Bischofskonferenz kritisierte die Vorab-Veröffentlichung scharf, nannte die Ergebnisse aber „bedrückend und beschämend“. Unterdessen kündigte der Papst einen Missbrauchs-Gipfel an.

Laut „Spiegel“ waren mehr als die Hälfte der Opfer maximal 13 Jahre alt, in etwa jedem sechsten Fall kam es zur Vergewaltigung. Es bestehe außerdem Grund zur Annahme, dass der Missbrauch andauere, zitiert der „Spiegel“ die Studie. Die „Zeit“ berichtete, von den 1.670 Beschuldigten sei gegen 566 ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet worden, 154 hätten ohne Strafe oder Sanktionen geendet. In 103 Fällen habe es eine Ermahnung gegeben, gegen knapp 38 Prozent sei Strafanzeige gestellt worden, meist von den Betroffenen oder ihren Familien. Repräsentanten der Kirche haben laut „Zeit“ nur in 122 Fällen die weltliche Justiz eingeschaltet, das entspricht 7,3 Prozent der Beschuldigten.

Zugleich berichten die Medien von strukturellen Mängeln. „In einigen Fällen fanden sich eindeutige Hinweise auf Aktenmanipulation“, zitiert die „Zeit“ die Studie. In zwei Bistümern seien früher Akten vernichtet worden. Die Forscher hätten zudem beklagt, dass sie keinen direkten Zugang zu den Archiven erhielten.

„Studie darf Aufarbeitung nicht beenden!“

Der „Eckige Tisch“ sieht in den Zahlen einen Beleg dafür, dass die katholische Kirche wie in den USA, Australien oder Irland „in ein System aus Missbrauch und Vertuschung verstrickt“ sei. Sprecher Matthias Katsch mahnte, zu erwartende Entschuldigungserklärungen blieben so lange unglaubwürdig, wie die Bischöfe sich nicht zu einer umfassenden Aufarbeitung und einer angemessenen Entschädigung bereit erklärten. „Wir sind Kirche“ schätzt, dass die Zahlen „wohl nur die Spitze des Eisbergs“ zeigten, die Studie dürfe die Aufarbeitung nicht beenden. Zugleich mahnte die Initiative tiefgreifende Reformen an, um den Opferschutz zu stärken und einen „systemimmanenten Täterschutz“ zu überwinden.

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, kritisierte die Vorab-Veröffentlichung als „schweren Schlag“ für die Betroffenen. Für die Herbst-Vollversammlung, in deren Rahmen die Bischofskonferenz am 25. September die Studie vorstellt, sei ein Beratungs-Telefon für jene geplant, die durch die Berichtserstattung aufgewühlt seien. Diese Menschen sollten sich vorerst an die Telefonseelsorge, die Internetseelsorge oder den Missbrauchsbeauftragten der Bistümer wenden.

Ackermann bekräftigte, Ziel der Studie sei es, mehr Klarheit und Transparenz zu erhalten „und zwar um der Betroffenen willen, aber auch um selbst die Verfehlungen sehen und alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen“. Der Deutschen Bischofskonferenz gehe es um eine verantwortungsvolle und professionelle Aufarbeitung. Die Studie werde Zahlen und Analysen bieten, „aus denen wir weiter lernen werden“.

Die Bischofskonferenz hatte 2014 die Studie an ein Konsortium unter Leitung von Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim vergeben. Beteiligt sind auch das Kriminologische Institut und das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg sowie der Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen.

Unterdessen lud Papst Franziskus alle Bischofskonferenz-Vorsitzenden weltweit für den 21. bis 24. Februar 2019 zu einem Missbrauchs-Gipfel nach Rom ein, wie das vatikanische Internetportal Vatican News berichtete.


Weiterführende Links:

Buchtipp:

Im Käfig der Angst – Missbrauch in der heilen Welt

 

8 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Die katholische Kirche soll endlich das Zölibat abschaffen! Es ist unbiblisch und teuflisch! Nur so kann ein Anfang gegen diesen sich ständig wiederholenden Missbrauch an unschuldigen Kindern gemacht werden! Und die Schuldigen müssen sehr hart bestraft und umgehend vom Dienst suspendiert werden! Außerdem ist eine entsprechende Wiedergutmachung an die Opfer erstes Gebot!!! Und wer dafür ist, daß so ein ungehöriges Verbrechen verjährt, macht sich mitschuldig!

    • Der Zölibat ist weder unbiblisch noch teuflisch. Wenn es das wäre, wäre das Verhalten von Jesus unbiblisch und teuflisch gewesen.
      Der Zölibat ist gut und eher ein Schutz als ein Grund für Verbrechen. Oder meint wirklich jemand ernsthaft das Männer Kinder vergewaltigen nur weil sie sie nicht verheiratet sind?
      Der Zölibat wirkt eher so das denen Ruhe und Frieden bringt die ihn leben und es ist jeden anzuraten für sein Leben zölibatäre Phasen einzuplanen. Es tut gut das zu tun, nur zu!
      Wie Unsinnig die Forderung nach einer Abschaffung des Zölibats ist, sieht man auch daran das Missbrauch in gleichem Maße überall vor kommt. Man spricht davon das ca. 10 % der Kinder mindestens einmal Missbrauch erleben. Das betrifft aktuell ca. 8-10 Millionen Deutsche … um mal konkreter zu werden. Und die evangelischen Kirchen sind davon genauso betroffen wie alle anderen religiösen Gemeinschaften.

      • Es geht wohl in erster Linie um den Pflichtzölibat. Den kannte die Kirche in den ersten Jahrhunderten nicht. Erst kam das Gebot der Enthaltsamkeit, später der Zölibat. Und: Es gibt zwar eine gute geistliche Begründung, aber es ist selbst unter katholischen Historikern akzeptiert, dass auch die Erbfrage eine Rolle spielte. Kleriker mit Kindern konnten ihren Besitz vererben. Bei Ehelosen fiel alles an die Kirche – und das war im Mittelalter oft nicht wenig.

  2. „Hinter dem Altar – Kindsmissbrauch in der katholischen Kirche.“ Ein ARTE – Beitrag, es geht wieder einmal um die Priester – [Scharfe Kritik – kein Problem. Grobe und dazu pauschale Beleidigungen – nein / VG, die Redaktion], bekannt auch unter „Allein selig machender Glaube“, die seit Jahrhunderten ihr Unwesen treibt. Klar, vor dem Altar predigen sie Moral, dahinter begehen sie ihre Todsünden. Dass der Vatikan dort lebt, der erste Arbeitgeber [… / s.o.] alias Stellvertreter Gottes auf Erden – wieder alles unternimmt, um tatsächliche Aufklärung zu verhindern, wen sollte es überraschen?
    .

  3. Pädophilie ist ein umfassendes Problem und geht durch alle Institutionen und Schichten. Die katholische Kirche hat sich bemüht die 68 Jahre aufzuarbeiten. Besser wäre es, wenn es andere Kirchen und soziale Einrichtungen in Deutschland auch machen würden. Auf jeden Fall bringt es nichts, wenn man spekulativ versucht Kausalitäten herzustellen.

  4. Die Gruppe von „Wir sind Kirche“ ist ein wesentlicher Teil des Problem und es ist schon abartig das gerade diese Gruppe gehör findet.

    Generell: Es ist schlimm was geschah und es ist schlimm das es entgegen Versprechungen immer noch passiert. Hier sind die Bischöfe in Verantwortung zu nehmen.

  5. „Die katholische Kirche soll endlich das Zölibat abschaffen!“ Dem stimme ich voll zu. Auch wenn das Zölibat nicht unbiblisch u. v.a. nicht teuflisch ist. Wenn die kath. Priesterschaft jedoch, sich in Selbstverständnis als Mittler zwischen den Gläubigen u. Gott u. in den Riten auf die Hohenpriester im AT bezieht, sollte sie auch daraus die Konsequenzen ziehen: die waren ALLE verheiratet. Das Priesteramt war damals erblich.
    Noch bis ins Mittelalter konnten Priester der damals alleinigen kath. Kirche heiraten, bei höheren klerikalen Rängen war das nicht mehr so gerne gesehen.
    Es drängt sich der Verdacht auf, daß die damalige Einführung des Zölibats maßgeblich beeinflußt wurde durch die Leib- und latente Frauenfeindlichkeit der mittelalterlichen Kirche. In der Neuzeit konnte man es dann nicht mehr abschaffen, dann hätte man sich ja mit den revolutionären protestantischen Ketzern gemein gemacht, die das „Evangelische Pfarrhaus“ gegründet hatten.

Comments are closed.